Annerose Zwerrenz zeigt ihre Bilder, die Tiefgang und viel zu sagen haben. Und die den Betrachter fordern.
Von Heike Wahl
SUHL. Was sich seit Donnerstagabend in der Galerie der AWG „Rennsteig“ auftut, ist eine ganz eigene Welt. Eine Welt aus Farben, Strukturen, aus Öl und Acryl, aus Illusionen und Spannung, aus Bildern, an denen man nicht so einfach vorbei geht und denkt: schön. Es sind Bilder, die einladen, sich auf sie einzulassen. Die Geschichten erzählen, die sich nicht auf den ersten Blick aufdrängen. Geschichten, die ergründet werden wollen. Geschichten, die wohl jeder Betrachter anders erlebt.
Annerose Zwerrenz hat ihre erste eigene Ausstellung eröffnet, die unter der großen Überschrift „Bildergeschichten“ steht. Die fast 73-jährige Suhlerin zeigt mit etwa 80 Bildern ihre Sichtweise auf die Dinge des Lebens. Und das mit Tiefgang, künstlerische Möglichkeiten auslotend und oft mit einem Augenzwinkern, das wie ein Fingerzeig daherkommt, nicht alles so ernst zu nehmen. Beispielsweise mit dem Bild, das den Titel „Hair Salon“ trägt und Erinnerungen an den Friseursalon der 1960er-Jahre weckt. Frauen unter riesigen Trockenhauben und mittendrin ein Hund, der sich sein Fell auf die gleiche Weise trocknen lässt. Oder mit dem „Grazy Bock“, den sie für ihren Sohn Gunnar – er hat übrigens die Vernissage mit Dudelsack und Handpan musikalisch umrahmt – gemalt hat. Er hatte sich einen Hirsch gewünscht. „Ich wollte keinen langweiligen Hirsch malen, wie es ihn zuhauf auf Bildern gibt. Also ist es ein etwas verrückter Bock geworden“, sagt die Künstlerin. Einer, der mit interessantem Gehörn im Sessel zu sitzen scheint.
Illusion und Täuschung spiegeln sich in dem „Harlekin“-Bild, in dem sich Annerose Zwerrenz auch der Stilrichtung Op-Art hinwendet, bei der mithilfe abstrakter Formmuster und geometrischer Farbfiguren beim Betrachter überraschende oder irritierende optische Effekte und Täuschungen erzeugt werden. Der Harlekin – er will zu seiner Liebsten, die in einem Turm auf einem hohen Berg wartet. Auf dem Weg dahin baut Annerose Zwerrenz ganze, mitunter abenteuerliche, Geschichten ein. Spannend. Genauso wie die Wellenbilder. Wellenbilder? „Ja, die habe ich so genannt, weil das Papier wellig ist und sich selbst unter der Mangel nicht glätten ließ“, sagt Annerose Zwerrenz. Dann passierten auf dem welligen Papier auch noch Kleckse. Was andere vielleicht dazu gebracht hätte, das Papier wegzuwerfen, hat die Malerin inspiriert. Für die Sonnenanbeterin, für die Windbraut, für die Lampionträgerin …, die sie mit wunderbaren Stimmungen umgibt.
Das Bild mit Lavendel und Distel schafft einen der vielen Naturbezüge, die die Künstlerin immer wieder aufgreift. Mit dem Wissen darum, dass sie die Distel an der Suhler Senfte ausgegraben und nach Hause getragen hat, um sie zu malen, lässt ein ganz eigenes Gedankenbild entstehen. Auch davon, wie mühevoll es gewesen sein muss, all die Stacheln der Distel wieder aus den Händen zu kriegen.
Das Harlekin-Bild bietet umso mehr Geschichten, je länger man es betrachtet.
Was Annerose Zwerrenz abliefert, ist Ergebnis eines langen Weges, das mit Experimenten gepflastert ist, mit sich immer wieder selbst ausprobieren, mit Lernen und mit viel Freude an dem, was sie tut. Sicher; sie hat schon in der Abitur-Zeit angefangen zu malen. Und eigentlich wollte sie Restaurateurin werden, hat dann aber den Weg zur Informatikerin eingeschlagen. Das aber unter der Bedingung, in Dresden studieren zu wollen, weil da viel Kunst und Kultur zu Hause ist. Dann die Kinder, das Familienleben, der Hausumbau – die Malerei war zum Pausieren verdonnert.
Über Umwege, die auch über Ausbildung zur Zirkelleiterin für künstlerische Textilgestaltung führten und über einen Zeitungsartikel, in dem es um Malkurse ging, hat die Malerei Annerose Zwerrenz wieder für sich eingenommen. „In dem Kurs von Dietrich Ziebart war ich die einzige Anfängerin. Ich habe den Einstieg gefunden und unglaublich viel gelernt“, sagt sie, die so viele Inspirationen für ihre Bilder in der Natur, auf Reisen und überall im Leben findet.
Sie malt, probiert aus. Und mit jedem Bild lerne sie neu dazu. Annerose Zwerrenz malt oft nachts. Wenn sie nicht schlafen kann. Wenn ihr Körper, wenn ihre Hand ruhig ist. Seit etwa acht Jahren leidet sie an Parkinson. Das Malen habe sie schon aus so manchem Loch rausgeholt, sagt sie. Und auch, dass sie so lange malen werde, wie sie den Pinsel halten kann.
Eine bemerkenswerte Frau, die Bemerkenswertes schafft. Auch im Keramik-Atelier, in dem sie seit etwa 20 Jahren wunderbare Objekte kreiert. Und freilich an der Staffelei, an der all die Werke entstanden sind, die noch bis Mitte Oktober in der AWG-Geschäftsstelle (Montag bis Mittwoch 9–12 Uhr und 13–15 Uhr sowie Donnerstag 9–12 Uhr und 13–18 Uhr) Besuchern ihre Geschichten erzählen wollen. Und werden.